Text und Bilder: Lucia Brunner
Neuer Raum für deutsch-tschechisches Sprachprojekt an der Mittelschule Waldsassen
Die Mittelschule Waldsassen stärkt die deutsch-tschechische Zusammenarbeit mit innovativen Sprachkursen. Im neuen Begegnungsraum lernen Schüler praxisnah Tschechisch und knüpfen interkulturelle Freundschaften.
Lehrerin Gabriela Pleskotová hält eine große blaue Box in der Hand und stellt sie auf einen Tisch vor die Schüler. Es ist eine Überraschung. „Was ist da drin?“, fragt sie die Jugendlichen. „Ein Kätzchen? Süßigkeiten?“, motiviert sie humorvoll, darüber nachzudenken. Eine Schülerin darf vorkommen, zögerlich greift sie durch ein Türchen in die Schachtel hinein.
Nach etwas Fühlen ist sie sich sicher, das muss ein Apfel sein. Ihre Aufgabe ist nun, das Obst in ihrer Hand auf Tschechisch zu benennen. Ein kurzer Blick auf die Tafel und sie weiß die Antwort: „Jablko!“
Raum lädt zum Lernen ein
Am vergangenen Dienstag hatte die Arbeitsgemeinschaft (AG) Tschechisch an der Mittelschule Waldsassen Besuch von Schülern der Partnerschule, der 6. Základní škola aus Cheb (Eger). Deutsche und tschechische Jugendliche aller Klassenstufen sitzen sich in einem Anfänger- und Fortgeschrittenenkurs gegenüber, tauschen sich aus und lernen miteinander die Sprache des jeweils anderen. Oberpfalz-Medien durfte zusammen mit Gästen bei einer Doppelstunde zuschauen.
An der Mittelschule kann jeder freiwillig Tschechisch als Wahlfach lernen. Kommendes Jahr wird erstmals die Klasse 7M als zusätzliches Angebot die AG verpflichtend besuchen. Die Initiatoren des Sprachprojekts wollen die AG weiter im Schulalltag forcieren. Daher wurde nun ein neuer deutsch-tschechischer Sprachbegegnungsraum eingerichtet. Dieser soll ein Sprachlernkonzept ermöglichen, das so in dieser Form noch in keiner anderen Mittelschule in der Oberpfalz existiert.
„Wir haben mit unserer Partnerschule schon viele gemeinsame Projekte gemacht, auch ohne Förderung“, erklärt Claudia Strobel-Dietrich, Rektorin der Mittelschule Waldsassen. Im Rahmen der deutsch-tschechischen Zusammenarbeit wird die Tschechisch AG nun aber über das „Interreg“-Programm der Europäischen Union gefördert, das grenzüberschreitende Projekte unterstützt. „Die EU stellt Mittel für besseren Austausch, Vorurteile und Barrieren abzubauen“, betont Strobel-Dietrich.
Lesehöhlen, Couch-Landschaften
„Wir sind die ersten und hoffen, dass unser Projekt Vorreiter und Ideengeber für weitere Anschlussprojekte sein wird“, so die Rektorin. Schon beim Betreten dieses besonderen Klassenzimmers wird eine Wohlfühlatmosphäre sichtbar: Es gibt kleine Lesehöhlen, Gruppentische, aber auch Einzelplätze auf kleinen Couch-Landschaften. Der Raum lädt zum Lernen ein und wirkt sehr offen.
Lehrerin und „Interreg“-Mitarbeiterin Iris Thoma erklärt: „Wir haben versucht, auf flexible Lernkonzepte zurückzugreifen.“ Bei der Raumgestaltung wurde sich an das „Churer-Modell“ gehalten, ein Unterrichtsansatz, bei dem Kinder nicht mehr an feste Plätze gebunden sind. Lehramtsstudentin Yesim Yasar war für die Materialbeschaffung zuständig. Sie betont: „Der Raum passt sich an das Konzept des Lernens an. Da jeder Schüler anders lernt, ist auch für jeden etwas dabei. Von einer visuellen Karte der Stadt Waldsassen, Büchern in beiden Sprachen bis hin zu einer Toniebox mit selbst eingesprochenen Tonaufnahmen.“
Alltagsnahe Situationen im Unterricht
Im neuen Raum dürfen heute die Anfänger der Tschechisch AG arbeiten. Für diese Unterrichtsstunde steht das Thema „Einkaufen“ auf dem Programm. Lehrerin Bohuslava Hlavničková führt die Schüler an das Thema heran. Zunächst wird Bekanntes wiederholt. Dabei werden kurze Phrasen wie „Hallo“, „Wie heißt du?“ und „Wie geht es dir?“ spielerisch mit der tschechischen Übersetzung verbunden.
Dann geht es mit dem Anwenden der Wörter in der Praxis weiter. Eine Unterhaltung wird innerhalb der Klasse nachgespielt. Die deutschen Schüler begrüßen die Jugendlichen aus dem Nachbarland auf Tschechisch und umgekehrt. Die dritte und letzte Aktion behandelt die Vokabeln. In dieser Stunde sind es Dinge, die in einem Geschäft gekauft werden können. Die Schüler interagieren aktiv miteinander und üben die Aussprache.
Die Atmosphäre im Raum unter den Jugendlichen ist stets locker. Ein paar Kinder kichern, die Lehrerin lobt jeden kleinen Erfolg. Manche Schüler helfen sich gegenseitig. Im Fortgeschrittenenkurs wird dasselbe Thema behandelt, jedoch gibt es mehr Vokabeln zu lernen und die Aufgaben sind schwieriger. Die Schüler arbeiten selbstständig in Gruppen. Lehrerin Gabriela Pleskotová von der 6. Základní škola in Eger (Cheb) und Leiterin der AG Tschechisch in Waldsassen verbessert die Ergebnisse und setzt Schwerpunkte für das weitere Lernen. Hier können die Kinder schon längere Dialoge führen, zum Teil in einem bemerkenswerten Tempo.
Großes Interesse am Sprachkurs
In diesem Schuljahr gab es 26 Anmeldungen bei der Tschechisch AG an der Mittelschule Waldsassen. Kommendes Jahr werden es laut Rektorin Strobel-Dietrich 30 sein. Das Interesse der Schüler für den Kurs ist groß. „Ich lerne Tschechisch, weil es mir einfach Spaß macht“, sagt Jonas im Fortgeschrittenenkurs. Ihm gegenüber sitzt Pia, sie erzählt: „Meine Eltern haben eine Firma in Tschechien.“ Sie möchte sich auch mit den Mitarbeitern im Unternehmen unterhalten können.
Einige Jugendliche erhoffen sich auch Chancen, beruflich am Arbeitsmarkt im Nachbarland Fuß zu fassen. Für den Tschechischkurs wird die erbrachte Leistung in einem Zertifikat gewürdigt, das nach Abschluss des Kurses verliehen wird und der Bewerbung beigelegt werden kann. Als die Schulglocke den Unterricht um 12.50 Uhr beendet, verlassen die Schüler den Raum mit guter Laune und neu gelernten Wörtern, die sie im Alltag verwenden können.




Wir fördern besonders die sprachlichen Kenntnisse aller Schülerinnen und Schüler, die für ihr späteres Bestehen in der Arbeitswelt grundlegend sind.








